
Die Anfahrt zum Betriebshof der Polderverwaltung in Greffern führte uns über einen Feldweg. Am Ende einer Seitenstraße in Greffern endete der Asphaltbelag, und ich beschloss, mit meinem Auto weiter zu rumpeln, da ich in einiger Entfernung ein modernes Betriebsgebäude liegen sah. Bald traf auch Dominik ein, und dann standen wir am Hintereingang, an den Google Maps uns geführt hatte. Glücklicherweise war Annemone von vorne hinein geradelt, und bald öffnete uns Frau Schneider von der Polderverwaltung den Dienstboteneingang.
Ich hatte Frau Schneider vergangenen Sommer am Telefon kennen gelernt, als sie mich als Kontaktperson unseres Vereins über eine bevorstehende Kleine Ökologische Flutung informierte. Sie war sehr freundlich und auskunftsbereit, sodass ein nettes Verhältnis entstand. Ich fragte sie, ob wir denn mal bei ihr vorbeischauen dürften, um etwas besser zu verstehen, wie der Polder gemanagt wird, und sie sagte gerne zu. Im März haben wir uns dann das erste Mal persönlich kennen gelernt, als es um den Uferweg zu unserem Segelgelände ging. Und am 5. Mai waren wir dann in den Betriebshof eingeladen. Von unserer Seite waren ich, Annemone und Dominik mit dabei (s. Foto).
Im ersten Stock, mit Blick über den Rheindamm hinweg, gibt es einen Leitstellenraum mit etlichen Bildschirmen, und ein großes Besprechungszimmer. Dort hängt auch eine große topographische Karte über alle Teilpolder hinweg, die von hier beaufsichtigt werden. Das Gebiet des Polders Söllingen/Greffern erstreckt sich von oberhalb der Rheinfähre Greffern bis zur Staustufe Iffezheim. Die genaue Karte soll nicht im Internet erscheinen, daher seht ihr hier nur eine vereinfachte Karte (s. Foto). Was blau ist, ist das Überflutungsgebiet des Polders, und im Teilpolder 3 liegt der Kriegersee.
Wenn es am Oberrhein extrem stark regnet, sodass der Bodensee überläuft, dann läuft den Oberrhein hinab eine Flutwelle, die bei uns vorbeikommt und am Ende die rheinabwärts liegenden Städte überfluten würde. Um das weitestmöglich zu vermeiden, werden, sobald die Flutwelle an Greffern vorbeiläuft, die Polderwehre geöffnet, sodass der Wellenberg in den Polder abgeleitet wird und nicht weiter rheinabwärts läuft. Damit wird die Flutwelle unterhalb von Greffern weniger hoch stehen, Dämme werden hoffentlich nicht überspült werden, und die Pegelstände werden niedriger ausfallen. Zusätzlich sollten Flutwellen aus den Zuflüssen wie der Kinzig oder der Murg zurückgehalten werden, aber das ist nicht die Aufgabe des Polders Söllingen/Greffern.
Für den Hochwasserschutz wurden ab den 1970er Jahren am Oberrhein mehrere Polder angelegt. In der Folgezeit hat man festgestellt, dass dadurch große Flächen an Auenlandschaft verloren ging. Dadurch, dass die Flächen nicht mehr regelmäßig unter Wasser standen, änderte sich das Ökosystem. Um die Auenlandschaft wiederherzustellen, hat man die Ökologischen Flutungen eingeführt. Sie führen dazu, dass die für die Auen typischen Pflanzen unter Wasser stehen, was diese Pflanzen stärkt, und andere Pflanzen, die nicht in eine Auenlandschaft gehören, zurückdrängt. Das wiederum erhält den Lebensraum für Tiere wie den Biber und den Eisvogel, die sich im Poldergebiet wieder angesiedelt haben.
Diese Flutungen werden jetzt immer dann durchgeführt, wenn der Pegelstand des Rheins es erlaubt. Am Pegel Plittersdorf wird dazu der Wasserstrom gemessen. Normalerweise fließen 8 – 900 m³ Wasser pro Sekunde den Rhein hinunter. Steigt der Wert auf 2000 m³/s, dann ist das noch lange kein gefährliches Hochwasser, aber man kann eine Kleine Ökologische Flutung durchführen. Bei uns an Segelplatz war das bisher daran zu erkennen, dass die Kurve am alten Zufahrtsweg ein wenig unter Wasser stand. Bei 2800 m³/s kommt dann eine Große Ökologische Flutung. Am Segelplatz bräuchten wir dann etwa Gummistiefel, um trockene Füße zu behalten. Erst wenn der Strom diesen Wert stark überschreitet, dann tritt die Retention in Kraft. Damit wird der Polder bis an den Stehkragen gefüllt. Das hat dann nichts mehr mit Ökologie zu tun, sondern ist reiner Hochwasserschutz für die rheinabwärts liegenden Siedlungen und Städte.
Im Dezember 2010 ist am Polder eine Funktionsprüfung mit voller Retention durchgeführt worden, und von damals stammen die Fotos, auf denen von unserer Hütte nur noch das Dach zu sehen ist, und wo man anschließend die Boote aus den Bäumen geholt hat. So eine Probeflutung haben wir nicht mehr zu befürchten, aber wenn einmal das richtige Hochwasser kommt, dann könnte so etwas wieder auf uns zukommen. Daher rührt die dringende Empfehlung, die Boote mit einer mindestens 4 m langen Kette auszustatten.
Bei einer Hochwasserlage gibt es eine Vorwarnzeit von 3 Tagen. Die Hochwasservorhersage ist ähnlich ungenau wie die Windvorhersage in der Windy oder Windfinder App, weiter als 3 Tage im Voraus ist sie nicht verlässlich. Wenn es aber so weit ist, dann bekommt der Vorstand der Segler-Gemeinschaft von der Polderverwaltung einen Anruf, sodass wir noch 2 Tage Zeit haben, unser Zeug zu sichern oder wegzufahren. Am dritten Tag wird dann der Polderbereich abgesperrt, und es darf niemand mehr hinein. Da sollten wir im Vorstand einmal einen Alarmplan entwickeln, damit die Bootseigner eine Chance haben, ihre Boote zu evakuieren. Um den 20. Juni herum, an einem Werktag, wird es übrigens eine Absperrübung geben, während der wir aber Zugang zum See haben.
Nach 2 Stunden angeregten Gesprächs hat uns Frau Schneider dann noch das Schöpfwerk gezeigt, das ein paar hundert Meter entfernt an der Zufahrt zum Grefferner Hafen liegt. Hier wird bei Hochwasser der Wasserstand des Speisekanals geregelt, damit Greffern möglichst nicht absäuft. Auf dem Foto sind die Hydraulikzylinder der Rechen zu sehen, die verhindern sollen, dass Gestrüpp, Äste und Baumstämme in den Ansaugbereich der Pumpen gelangen.
Zur Mittagsstunde ging der für uns hochinteressante Besuch zu Ende. Wir danken Frau Schneider herzlich für ihre tollen Erklärungen und die Zeit, die sie uns gewidmet hat. Wenn Interesse besteht, dann können wir ja unseren Vereinsausflug dieses Jahr auf das Fahrrad verlegen und mal den Polderinfopfad abradeln. Da gibt es viele Wasserbauwerke und Schautafeln, die man sich einmal genauer ansehen könnte.



